Von klimaneutral bis premium: Wie sich Glas neu erfindet

Düsseldorf. Unter dem Motto „Visionen teilen – Glas erleben“ hatte das Aktionsforum Glasverpackung am 1. Oktober zum 19. Trendtag Glas nach Hamburg eingeladen. Im Börsensaal der Handelskammer verfolgten die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Lebensmittel- und Getränkebranche sowie der Behälterglasindustrie das vielseitige, hochaktuelle Programm. Key Speaker war der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der mit klaren Statements die Herausforderungen Deutschlands auf den Punkt brachte, aber auch ermutigende Lösungswege aufzeigte. Um ZeroCO2-Glas und den Weg in eine klimaneutrale Zukunft der Behälterglasproduktion ging es in einem weiteren Vortrag. Wertvolle Verbraucherzahlen und Shopper-Insights lieferte wie gewohnt das Marktforschungsinstitut YouGov. Und spannende Praxis-Cases präsentierten Mast-Jägermeister, Columbus Drinks und Mutti.    

Zum Auftakt gab ein kurzer Videotrailer einen Einblick in eines der zentralen Zukunftsthemen der Branche: den Weg zu einer klimafreundlichen Glasproduktion. Die Beispiele zeigten, wie breit das Spektrum der Stellschrauben ist – von neuen Wannentechnologien und einem höheren Elektrifizierungsgrad über erneuerbare Energien und Abwärmenutzung bis zu leichteren Verpackungen und optimierten Transportwegen. Das Potenzial ist erheblich: Neue Wannentechnologien mit Hybrid-Lösungen auf Wasserstoffbasis sowie ein verstärkter Einsatz elektrischer Beheizung können den CO₂-Ausstoß um 87 Prozent senken. Durch Leichtglastechnologie ist es bereits gelungen, das Gewicht verschiedener Glasverpackungen um bis zu 40 Prozent zu reduzieren. Der Transformationsprozess der Behälterglasindustrie ist in vollem Gange – technologisch, energetisch und entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Starker Werkstoff, schwieriger Standort

Das bestätigte auch Karsten Fuchs, Vizepräsident des Bundesverbands Glasindustrie e. V., der die Gäste begrüßte und den Blick auf die zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen für die Behälterglasindustrie in Deutschland richtete. Hohe Energie- und Transformationskosten, immer neue regulatorische Anforderungen und fehlende Planungssicherheit belasteten die Unternehmen. Dabei reiche die Bandbreite der Themen von den neuen Herausforderungen durch die europäische Verpackungsverordnung PPWR bis zu Diskussionen über eine Zuckersteuer sowie die geplante Erhöhung der Verbrauchssteuer auf Schaumwein und Spirituosen. Für die Transformation der energieintensiven Glasindustrie seien zudem leistungsfähige Netze und eine sichere, bezahlbare Energieversorgung elementar. Dem gegenüber stehe ein Werkstoff mit starker Ausgangsposition: Glas schützt Produkte und Geschmack, ist hygienisch und praktisch inert, beliebig oft recycelbar und genießt bei Verbraucherinnen und Verbrauchern hohes Vertrauen. „Ein starkes Produkt allein garantiert allerdings keinen starken Produktionsstandort“, fasste Fuchs zusammen. Gefordert seien deshalb verlässliche politische Leitplanken, schnellere Genehmigungen und langfristige Planungssicherheit.

Deutschland unter Reformdruck

Mit Peer Steinbrück stand zu Beginn ein profilierter Kenner von Politik und Wirtschaft auf der Bühne. Der ehemalige Bundesminister der Finanzen widmete sich unter der Überschrift „Dimension der Zeitenwende – Deutschland unter Reformdruck“ in seiner freien Rede der wirtschaftlichen und politischen Lage Deutschlands. Selten sei der Begriff „Zeitenwende“ so berechtigt gewesen wie heute: Globale Macht verschiebe sich vom atlantischen in den pazifischen Raum, Rohstoffe, Handel und Technologie würden zunehmend geopolitischen Interessen untergeordnet und KI eröffne neue Möglichkeiten der Manipulation. Dieser externe Druck treffe auf ein Deutschland, das sich zu lange „bequem in einer permanenten Gegenwart“ eingerichtet und wichtige Hausaufgaben vertagt habe – von Wettbewerbsfähigkeit und Digitalisierung über Bildung und Wohnungsbau bis zum Bürokratieabbau und zur Reform des Sozialstaats. Die Folge sei ein erheblicher Reformdruck. Entscheidend sei nun, Veränderungen auf den Weg zu bringen und sie verständlich zu vermitteln: Wo stehen wir, wohin wollen wir und mit welchen konkreten Maßnahmen kommen wir dorthin? Die zentrale Aufgabe der Politik: Vertrauen zurückzugewinnen – durch Klarheit, Konfliktfähigkeit und sichtbare Ergebnisse.

Der Weg zur klimaneutralen Behälterglasherstellung

Wie kann die Glasproduktion langfristig klimaneutral werden? Dieser Frage widmete sich Dr. Dominik Orzol von International Partners in Glass Research (IPGR) e. V., einem internationalen Forschungsverbund der Behälterglasindustrie. Seine zentrale Botschaft: Klimaneutrales Glas ist keine ferne Vision – es ist technisch in wesentlichen Teilen bereits machbar. Das Verbundvorhaben ZeroCO2-Glas untersucht nicht nur einzelne Technologien im Labor, sondern erprobt sie unter industrienahen Bedingungen – von stärker elektrifizierten Schmelzprozessen über Wasserstoff bis hin zu neuen Glaszusammensetzungen. Das Projekt zeigt, dass sich Emissionen sowohl bei der Energieversorgung als auch bei den Rohstoffen deutlich verringern lassen. Für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie ist das entscheidend. Denn die Verpackung fließt in ihre Klimabilanzen und Scope-3-Ziele ein. Mit einer neu entwickelten Glaszusammensetzung wurden bereits rund 3.000 Flaschen produziert. Bis zur breiten industriellen Anwendung ist jedoch noch einiges zu tun. „Ein Weg ist da, es ist aber ein Marathon“, fasste Orzol zusammen.  

Glas im Wandel: Nachhaltigkeit trifft Innovation

Jeder kennt sie: die markante grüne Glasflasche von Jägermeister. Seit Jahrzehnten prägt sie das Erscheinungsbild der Marke und zählt zu ihren stärksten Wiedererkennungsmerkmalen. Für Mast-Jägermeister steht deshalb fest: Wer CO₂-Emissionen reduzieren will, muss auch die Glasflasche mitdenken. Wie das gelingen kann, erklärten Carsten Doliwa, Vice President Procurement, und Kristin Heckmann-Kipouros, Senior Director Sustainability. Ihr Ansatz: die ikonische Flasche bewahren und gleichzeitig die Emissionen ihrer Herstellung reduzieren. Denn die Produktion von Glas ist ein relevanter Faktor im CO₂-Fußabdruck der Verpackung. Gemeinsam mit Partnern aus der Behälterglasindustrie setzt Mast-Jägermeister deshalb auf neue Technologien und deren schrittweise Skalierung. Entscheidend ist, innovative Ansätze aus Pilotprojekten in die industrielle Anwendung zu überführen. Denn erst eine breite Anwendung ermöglicht es, das Potenzial solcher Technologien voll auszuschöpfen. Oder, wie Jägermeister es auf den Punkt bringt: „Same bottle. Different future.“

Von der Dose ins Glas

Mit der Dose legte Columbus Drinks den erfolgreichen Grundstein für die Limonadenmarke Paloma. Die Ergänzung um Glas-Mehrweg eröffnete anschließend zusätzliche Spielräume für die weitere Marken- und Sortimentsentwicklung. Jörg Harders, Geschäftsführer der Columbus Drinks GmbH, zeigte, wie stark die Wahl des Gebindes die Innovationsgeschwindigkeit einer Marke beeinflussen kann. Für die Dose musste das Unternehmen nach eigenen Angaben Mindestmengen von 250.000 Stück und Vorlaufzeiten von mindestens zwei bis drei Monaten einplanen – zu einem Zeitpunkt, an dem die Marktresonanz auf eine neue Sorte noch nicht absehbar war. Glas-Mehrweg ermöglicht kleinere Abfüllmengen, kurzfristigere Anpassungen und damit schnellere Lernzyklen. Seit Juni 2025 ist Paloma deshalb zusätzlich in der Mehrwegflasche erhältlich; neben Pink Grapefruit ergänzten Wassermelone und 2026 Yuzu das Sortiment. Mit Erfolg: Pink Grapefruit und Yuzu erreichten laut NielsenIQ einen Platz unter den Top 15 der Limonaden-Geschmacksvarianten im deutschen Lebensmittelhandel. Harders’ Fazit: Beide Gebinde spielen ihre jeweiligen Stärken aus und schaffen gemeinsam zusätzliche Möglichkeiten für die Marke. „Die Dose hat Paloma erfolgreich in den Markt gebracht. Glas gibt uns heute noch mehr Flexibilität, das Sortiment weiterzuentwickeln und neue Impulse zu setzen.“

Körpersprache richtig lesen – erfolgreicher kommunizieren

Das war die Botschaft von Wirtschaftspsychologe Michael Lasslop, der nach der Mittagspause nicht auf Märkte und Verpackungen schaute, sondern auf den Menschen. In „Lesen. Wirken. Verbinden. Kooperative Körpersprache im Business-Alltag“ zeigte der Experte für nonverbale Kommunikation, wie viel in Gesprächen passiert, bevor überhaupt ein Wort gesprochen wird. Sein Appell: in der Körpersprache die Signale des Gegenübers aufmerksam wahrzunehmen, im jeweiligen Kontext einzuordnen und die eigene Wirkung bewusst zu steuern. Denn verschränkte Arme müssen keineswegs automatisch Ablehnung bedeuten. Im Gegenteil: Solche vorschnellen Interpretationen können Kommunikation sogar erschweren. Gerade in Führung, Vertrieb und Verhandlungen sei es entscheidend, erst Wärme zu erzeugen, bevor es zum Austausch von Argumenten kommt. Denn der erste Eindruck entscheidet darüber, ob Informationen positiv oder negativ gedeutet werden. Dabei sind Mimik und Gestik starke Türöffner – sie lassen Menschen charismatischer, kompetenter und selbstbewusster erscheinen. Sein Appell: Bitte recht häufig lächeln!

Future Shop‘ciety: Zwischern Sparen, Gesundheit und Genuss

Zum inzwischen festen Bestandteil des Trendtags gehören die Einblicke in Konsumverhalten und Shopper-Trends. Hanna Kehl, Director bei YouGov Shopper, präsentierte unter der Überschrift „Future Shop‘ciety – Hypes und Trends aus der Verbraucherwelt“ die aktuell wichtigsten Entwicklungen. Der Shopper der Zukunft ist nicht eindeutig. Genau darin liegt laut Kehl die Herausforderung für Hersteller und Handel. Nach Jahren deutlicher Preissteigerungen entscheiden Verbraucher nicht mehr konsequent entweder günstig oder hochwertig, gesund oder genussvoll, geplant oder spontan. Sie wechseln stattdessen je nach Situation zwischen ihren Bedürfnissen. Bemerkenswert: Premium ist weiter das am stärksten wachsende Segment – bei Hersteller- ebenso wie bei Handelsmarken. Gleichzeitig boomen Produkte mit gesundheitlichem Zusatznutzen. Ihre Ausgaben legten innerhalb eines Jahres um 13 Prozent zu. Kehl fasste diese widersprüchlichen Wünsche unter dem Begriff „Balanced Being“ zusammen: gesund leben, ohne zu verzichten; nachhaltig handeln, ohne den Alltag zu erschweren; genießen, ohne das Budget aus den Augen zu verlieren und digital leben, ohne die soziale Verbundenheit zu verlieren. Das zeigt: Die Gesellschaft ist nicht gesundheitsmüde – sie ist regelmüde. Und der Shopper braucht eine andere Aufladung von Nachhaltigkeit. Seine zentrale Frage: Was tust du für mich? Die Herausforderung für Glas ist es dabei, den Mehrwert so sichtbar zu machen, dass Verbraucher ihn als den Preis wert empfinden.

Italienische Premiummarke mit Strahlkraft

Tomatenkonserven gelten als ein klassisches Commodity-Produkt, das stark über Preis und Volumen getrieben ist. Wie sich in einem solchen Markt eine Premiummarke aufbauen lässt – das zeigte Rafael Narvaez, Group CMO von Mutti S.p.A. Der italienische Tomatenspezialist mit Hauptsitz bei Parma und einer deutschen Vertriebsgesellschaft in Hamburg setzt auf vier Bausteine: eine überlegene Produktqualität, nachhaltiges Handeln, eine unverwechselbare Verpackung und konsequente Markenkommunikation. Glas spielt in dieser Strategie eine zentrale Rolle. Denn die charakteristische Passata-Flasche ist ein wichtiges Differenzierungsmerkmal der 125 Jahre alten „Marca i Due Leoni“ („Marke der zwei Löwen“) in Deutschland. Beim Relaunch der Pastasaucen 2025 sollte das neue „Löwenglas“ bewusst die Funktion eines Markenbotschafters übernehmen – mit einer unverwechselbaren Prägung, besserer Sichtbarkeit im Regal und zugleich weniger Gewicht. Dass Premiumisierung auch wirtschaftlich funktioniert, zeigt die Entwicklung in Deutschland: Der Umsatz stieg laut NielsenIQ von 5,3 Millionen Euro im Jahr 2017 auf 101 Millionen Euro in den zwölf Monaten bis Juni 2026. Das Fazit von CMO Narvaez: „Glas kann eine Marke ganz wesentlich prägen und voranbringen.“

„Der Trendtag Glas 2026 hat einmal mehr gezeigt, wie viel Innovationsgeist und Bewegung in unserer Branche steckt“, fasst Dorothée Richardt, Geschäftsführung Behälterglas beim Bundesverband Glasindustrie e. V., zusammen. „Die technologischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant, gleichzeitig verändern sich Märkte und Anforderungen unserer Kunden. Entscheidend ist deshalb, dass wir den Dialog entlang der gesamten Wertschöpfungskette führen und gemeinsam Lösungen entwickeln, die ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig sind. Genau dafür bietet der Trendtag Glas eine wichtige Plattform.“ 

 

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