Die europäische Behälterglasindustrie spielt eine entscheidende Rolle in der Wertschöpfungskette zahlreicher Produkte, von Lebensmitteln und Getränken bis hin zu pharmazeutischen Erzeugnissen. Die Herstellung erfordert Schmelzprozesse mit Temperaturen von über 1.500 °C. Aufgrund dieser energieintensiven Herstellung emittiert die Behälterglasindustrie in Europa jährlich etwa 18 Millionen Tonnen CO₂, was rund 0,6 Prozent der gesamten EU-Emissionen entspricht. Dabei stammen 80 Prozent der direkten CO2- Emissionen aus der Verbrennung von Erdgas. Angesichts der Klimakrise und der EU-Ziele zur CO₂-Reduktion hat sich die Branche ehrgeizige Ziele gesetzt: Bis 2030 sollen die Emissionen um 50 Prozent gesenkt werden, um bis 2050 klimaneutral zu sein. Die Umstellung auf Energiequellen mit niedrigem CO2-Ausstoß hat daher höchste Priorität. Die Glaswannen der Zukunft: Revolution in der Produktion Im Herzen der Glasproduktion steht die Glaswanne – ein Kraftpaket, das Temperaturen von über 1.500 °C erreicht. Hier setzt die Revolution der Branche an. Mit sogenannten „Furnaces of the Future“ (Schmelzwannen der Zukunft) sollen fossile Brennstoffe durch klimafreundliche Alternativen ersetzt werden. Zu den Schlüsseltechnologien gehört die Elektrifizierung, die in vollelektrischen Glaswannen und Hybridschmelzwannen zum Einsatz kommt. Hybridschmelzwannen, die fossile Brennstoffe mit erneuerbarer Elektrizität kombinieren, könnten die Emissionen bedeutend senken. In Deutschland entstehen in diesem Rahmen einige der fortschrittlichsten Versuchsanlagen der Branche. In einem aktuellen Pilotprojekt gelingt es, bis zu 80 Prozent der benötigten Energie aus erneuerbarem Strom zu beziehen. Es werden lediglich noch 20 Prozent konventionelle Sauerstoff-Erdgasfeuerung eingesetzt. Mit einer Kapazität von 350 Tonnen pro Tag und einem Recyclingglasanteil von 70 Prozent hat die Anlage die CO₂-Emissionen im Vergleich zu herkömmlichen Öfen bereits um 64 Prozent reduziert. Noch weiter gehen vollelektrische Schmelzwannen, die ausschließlich mit grünem Strom betrieben werden. Zwar erfordern sie massive Investitionen in die Infrastruktur, doch das langfristige Potenzial in Hinblick auf das Ziel, klimaneutrales Glas ohne Einsatz fossiler Brennstoffe herzustellen, ist immens. Wasserstoff spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. In einem – vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderten – Projekt wird zurzeit an der Entwicklung einer Glaswanne, die mit Wasserstoff betrieben wird, geforscht. An anderer Stelle hat ein Glashersteller bereits erfolgreich Pharmaglas mit 100 Prozent grünem Wasserstoff produziert. Diese wegweisenden Versuche markieren den Beginn einer neuen Ära, in der fossile Energien vollständig durch nachhaltige Alternativen ersetzt werden könnten. Zudem bieten Biofuels und Biogas vielversprechende Möglichkeiten, den CO₂-Fußabdruck zu minimieren. Studien zeigen, dass sie bis zu 90 Prozent der Emissionen herkömmlicher Brennstoffe einsparen könnten. Maximierung der Energieeffizienz ist auch abseits der Produktion ein Thema: Glaswerke generieren eigenen regenerativen Strom aus Photovoltaikanlagen und Windkraft, zusätzlich setzen sie auf Power Purchase Agreements (PPAs). Ebenso wird die enorme Abwärme der Schmelzwannen genutzt. Design und Innovation: Weniger ist mehr Während einerseits die Technologien bei der Glasproduktion im Fokus stehen, sind es andererseits auch Veränderungen im Glasdesign, die nennenswert zur Energieeffizienz beitragen. Moderne Glasflaschen und -gläser sind leichter und dennoch stabiler als ihre Vorgänger. Diese Herstellungsweise spart nicht nur Material, sondern reduziert auch den Energieverbrauch in der Produktion und beim Transport. Gleichzeitig experimentiert die Industrie mit alternativen Rohstoffen, um den CO₂-Fußabdruck weiter zu senken. Kohlenstoffarme Materialien wie spezieller Kalkstein oder neue chemische Zusammensetzungen stehen im Zentrum aktueller Forschungsprojekte. Selbst ein traditionsreicher Werkstoff wie Glas kann also immer wieder neu gedacht werden. Nachhaltige Lieferketten: Klimafreundliche Logistik Die Dekarbonisierung endet nicht an den Werkstoren. Auch die Lieferkette wird optimiert, um den CO₂-Fußabdruck zu verringern: Ein Großteil der Rohstoffe für die Glasproduktion stammt bereits aus einem Umkreis von 300 Kilometern um die Werke, was den CO₂-Fußabdruck der Transporte minimiert. Darüber hinaus setzen viele Unternehmen auf multimodale Transportsysteme, die Schienenverkehr und hybrid oder elektrisch betriebene Fahrzeuge integrieren. Solche Initiativen machen die gesamte Lieferkette nachhaltiger und effizienter. Dieser ganzheitliche Ansatz zeigt, wie tief die Dekarbonisierungsanstrengungen in der Branche verankert sind. Es geht nicht nur darum, die Produktion klimaneutraler zu machen, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette ist nachhaltiger zu gestalten. Recycling: Hohe Sammelquote Was Glas so besonders macht, ist seine Wiederverwertbarkeit. Als „permanentes Material“ kann es unendlich oft recycelt werden, ohne an Qualität zu verlieren, und ermöglicht so erhebliche Einsparungen bei den Primärressourcen. Die Sammelquoten in Europa sind dementsprechend beeindruckend hoch: 80,2 Prozent im Jahr 2022, das heißt, der größte Teil des Materials wird in einem geschlossenen Kreislauf recycelt. Dabei gehört Deutschland mit einer Glassammelquote von rund 85 Prozent zu den Spitzenreitern. Auch die Scherbeneinsatzquote kann sich sehen lassen: Im Schnitt bestehen neu produzierte Glasverpackungen zu 60 Prozent aus Recyclingglas, bei Grünglas sind es bis zu 90 Prozent. Je höher der Einsatz von Recyclingglas, desto niedriger der Energiebedarf und der Einsatz von Primärrohstoffen. Als Faustformel gilt, dass der Energieeinsatz je eingesetzte 10 Prozent Recyclingglas um 3 Prozent sinkt. Entsprechend investieren Glashersteller in modernste Technologien zur Sortierung und Aufbereitung von Scherben, um ihre Energieeffizienz weiter zu steigern.
Initiativen wie „Close the Glass Loop“ arbeiten daran, die Sammelquote europaweit bis 2030 auf 90 Prozent zu steigern. Dafür, die gesetzten Ziele zu erreichen, sind jedoch vielfältige Anstrengungen notwendig. Insbesondere die Infrastruktur der Sammlung muss in vielen europäischen Ländern weiter optimiert werden. Glassammelsysteme müssen verbessert und Recycling für Verbraucher – die letztendlich die Schlüsselrolle dabei innehaben – muss zugänglicher gemacht werden. In Deutschland trägt beispielsweise die Bildungskampagne „Was passt ins Altglas“ von der Initiative der Glasrecycler dazu bei, dass mehr Glas korrekt entsorgt und recycelt wird. Appell an Politik und Kunden: Gemeinsam für eine klimaneutrale Zukunft Die Transformation der Glasindustrie ist ambitioniert, aber machbar – vorausgesetzt, die richtigen Rahmenbedingungen sind gegeben. Derzeit investiert die europäische Behälterglasindustrie jährlich mehr als 600 Millionen Euro in Innovation und Dekarbonisierung, etwa in effizienzsteigernde Maßnahmen und Modernisierungen von Anlagen. Doch um die Transformation wirtschaftlich machbar zu machen und die Wettbewerbsfähigkeit der Glasindustrie zu erhalten, sind Investitionen in die Infrastruktur und der Ausbau der erneuerbaren Energien notwendig, Recyclinginfrastrukturen mit Sammel- und Sortiersystemen müssen gefördert werden. Die Mitglieder der FEVE fordern dafür gezielte politische Unterstützung. Doch auch die Lebensmittel- und Getränkeindustrie ist gefragt, wenn es darum geht, die Vorteile dieses Materials – Nachhaltigkeit, Qualität und Kreislauffähigkeit – voll auszuschöpfen. Marken, die auf Glasbehälter setzen, leisten einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer nachhaltigen Verpackungswirtschaft. Glas bleibt unverzichtbar Der FEVE-Dekarbonisierungsreport 2024 ist mehr als eine Bestandsaufnahme zur Klimaneutralität – er ist ein Manifest für die Zukunft von Glas als Verpackungsmaterial. Mit Innovationen in Produktion, Design, Recycling und Logistik setzt die Branche Maßstäbe für nachhaltige Verpackungslösungen. Für Unternehmen in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie bleibt Glas die erste Wahl – nicht nur aus ökologischer Sicht, sondern auch als Symbol für Qualität und Verantwortung. Gemeinsam mit Kunden, Partnern und Politik kann die Glasindustrie ihre Vision verwirklichen: Glas als das Material der Zukunft in einer ressourceneffizienten und klimaneutralen Wirtschaft. Der Artikel ist ebenfalls in der Print-Ausgabe der „Getränke! Technologie & Marketing" erschienen. Quelle: FEVE – The European Container Glass Federation: „One Destination, Multiple Pathways: How the European Container Glass Industry is Decarbonising Glassmaking“, Oktober 2024 Zurück |